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Tierversuche am DRFZ

Dem Tierwohl Rechnung tragen

Forschungsschwerpunkte des DRFZ
Rund 10 % der Bevölkerung leiden unter Autoimmunkrankheiten wie Rheuma, Schuppenflechte, Lupus Erythematosus, Darmentzündungen oder Multipler Sklerose, um nur einige zu nennen. Invalidität und Schmerz werden zum täglichen Begleiter. Schlimmer noch: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass diese Patienten zudem an Krebs erkranken und früh versterben.
Die bisher verfügbaren Medikamente müssen lebenslang eingenommen werden und können diese chronischen Erkrankungen höchstens abmildern, aber nicht heilen. Selbst die bislang wirksamsten Medikamente sind lediglich dazu in der Lage, die Mechanismen der Entzündung temporär zu unterbrechen, nicht jedoch ihre Ursachen zu beseitigen. Darüber hinaus sind viele Therapien mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, da sie aufgrund der Art der Erkrankung zentral angreifen müssen und damit das Immunsystem stark unterdrücken. Dies führt langfristig zu Unverträglichkeiten oder sogar Therapieversagen. Daher erforschen die Wissenschaftler und Ärzte am DRFZ die Ursachen dieser Erkrankungen, wobei Tierversuche noch immer unverzichtbar sind.

Tierversuche, Alternativmethoden und Tierschutz

Es sind bereits viele Alternativmethoden für Tierversuche im Einsatz, können diese aber nicht vollständig ersetzen.

Laut Tierschutzgesetz dürfen Tierversuche nur dann durchgeführt werden, wenn keine tierfreien Methoden zur Verfügung stehen (Tierschutzgesetz § 7a Abs. 2 Nr. 2). Noch immer kann man ausschließlich im Tierversuch herausfinden, welche Umstände das Immunsystem dazu bringt, gegen den eigenen Körper zu reagieren. Es ist noch nicht möglich, außerhalb des Körpers zu simulieren, wie die Zellen des Immunsystems in komplexen Organstrukturen miteinander und mit den anderen Zellen des Körpers kommunizieren. Dieses Wissen ist jedoch für die Entwicklung neuer, nebenwirkungsärmerer und potenterer Therapien oder sogar Heilungsmöglichkeiten für diese bislang unheilbaren Autoimmunerkrankungen unabdingbar. Ebenso können Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten auf andere Organsysteme und -funktionen nur in einem Lebewesen getestet werden, zumal die komplexen Interaktionen zwischen den verschiedenen Organsystemen bisher nur schwer oder gar nicht in vitro darstellbar sind. Neben den grundlegenden ethischen Aspekten müssen daher auch aus diesem Grunde neue Therapiestrategien zunächst im Tiermodell getestet werden. Bei Erfolg werden im Anschluss klinische Studien im Patienten durchgeführt.
Weniger komplexe Zusammenhänge lassen sich jedoch bereits auch ohne Tierversuche mit Zellmaterial von Patienten oder gesunden Freiwilligen untersuchen. So arbeiten viele Gruppen des DRFZ völlig ohne Tierversuche. Sie entwickeln ständig neue Testsysteme, um Zellen des Immunsystems außerhalb des Körpers zu analysieren. Allerdings werden Tierversuche auf absehbare Zeit weiterhin unverzichtbar bleiben, tragen aber gleichzeitig dazu bei, mögliche Alternativmethoden zu entwickeln. Diese werden jedoch auch bereits ergänzend zu Tierversuchen eingesetzt, um die Anzahl benötigter Tiere zu verringern.

Alternativmethoden

Jeder Wissenschaftler ist dazu verpflichtet, Alternativmethoden einzusetzen, wann immer dies möglich ist. Dieser Animationsfilm gibt einen anschaulichen Überblick zu diesem Thema.

(Quelle: https://www.tierversuche-verstehen.de/filme/)


Das 3R-Prinzip

Dieser Animationsfilm erklärt das 3R-Prinzip und beschreibt, wie es in der Forschung umgesetzt wird.

(Quelle: https://www.tierversuche-verstehen.de/filme/)


Hierbei werden die Wissenschaftler von den weisungsunabhängigen Tierschutzbeauftragten beraten, die zudem das Wohlergehen der Tiere und die Einhaltung sämtlicher Richtlinien und Regularien sicherstellen und kontrollieren. Der regelmäßig tagende Tierschutzausschuss unterstützt die Tierschutzbeauftragten in ihrer Tätigkeit und der Überwachung des Wohlergehens der Tiere.

3R-Grundsätze

Die Wissenschaftler am DRFZ sind sich ihrer Verantwortung gegenüber den Tieren sehr bewusst und wenden bei ihren Tierversuchen das 3R-Prinzip an, um das Leid von Tieren im Tierversuch auf ein unerlässliches Maß zu verringern. Die 3R stehen für „Replace, Reduce, Refine“, zu Deutsch „Vermeiden, Verringern, Verbessern“.
Praktisch bedeutet dies: Die Forscher am DRFZ versuchen, so viele Versuche wie möglich ohne den Einsatz von Tieren durchzuführen („Reduce & Replace“), beispielsweise durch die Verwendung von Zellkulturen. Bei der Durchführung von Tierversuchen wird darauf geachtet, eine statistisch berechnete Mindestgruppengröße von Tieren einzusetzen, aber nicht mehr Tiere als nötig („Reduce“). Die heutzutage hochentwickelte Technik bietet mittlerweile viele nicht-invasive Untersuchungsmethoden („Refine“), wodurch das Leid der Tiere verringert und viele Daten aus wenigen Tieren generiert werden können („Reduce“).

Die Tierschutzbeauftragten

Gudrun Wibbelt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung und Boris Jerchow vom Max-Delbrück-Centrum über ihre Tätigkeit als Tierschutzbeauftragte.

(Quelle: https://www.tierversuche-verstehen.de/filme/)


Tierarten, Tierhaltung und Umgang mit Versuchstieren

Die Art der in Tierversuchen verwendeten Tiere besteht aus einer Abwägung zweier Kriterien: die Verwendung der Spezies, die am wenigsten unter den Versuchseinwirkungen leidet, gleichzeitig jedoch am relevantesten für die jeweilige Fragestellung ist.

Am DRFZ wird ausschließlich mit Mäusen gearbeitet. Unter anderem ist die Genetik, Anatomie und Physiologie von Mäusen der des Menschen evolutionsbiologisch sehr ähnlich und bietet somit eine wichtige Grundlage zur Erforschung von Krankheiten. Ein Großteil der Mäuse am DRFZ ist durch spezielle Zuchtverfahren oder durch gentechnische Eingriffe genetisch verändert. Dadurch können spezifische Merkmale einer humanen Erkrankung hervorgerufen und entsprechend zielgerichtet untersucht werden. Einige Mausstämme entwickeln Krankheitsgeschehen, die denen des Menschen sehr ähnlich sind und können somit zur präklinischen Testung neuartiger Therapien eingesetzt werden. Bei vielen Fragestellungen wird jedoch das Krankheitsbild des Menschen nicht 1:1 abgebildet, da es zielführender ist, spezifische Komponenten, die für das resultierende Krankheitsbild verantwortlich sind, isoliert zu untersuchen. Durch gezieltes Ausschalten einzelner Gene in sogenannten Knock-out-Mäusen kann ihr Einfluss beispielsweise auf ein Entzündungsgeschehen getestet werden. Dies hilft, die molekularen Ursachen von Autoimmunerkrankungen besser zu verstehen und somit neue, hochspezifische Therapien zu entwickeln.

Haltung und Umgang mit Versuchstieren am DRFZ - Tierwohl und gute Forschung gehen Hand in Hand.

Die Mäuse am DRFZ werden in Gruppen, nach Geschlecht getrennt, gehalten. Die Käfige werden mit Einstreu ausgebettet. Als Unterschlupfmöglichkeit dient ein rotes Plastikhäuschen. Aufgrund des besonderen Farbsehens der Maus ist dieses für sie innen dunkel, da sie Licht im roten Bereich nicht wahrnehmen kann. Umgekehrt allerdings haben Tierpfleger und Wissenschaftler so die Möglichkeit, die Tiere ungestört in Augenschein nehmen und somit ihr Wohlbefinden überprüfen zu können, ohne die Käfigruhe zu stören. Des Weiteren werden in jedem Käfig Nistmaterial aus Zellstoff sowie Beißhölzchen zum Knabbern zur Verfügung gestellt. Die Tiere erhalten Komplettfutter aus Pellets und Wasser zur freien Verfügung.
Um die Tiere vor äußeren Einflüssen wie Pathogenen, die die Gesundheit der Tiere und geplante Experimente beeinflussen könnten, bestmöglich zu schützen, werden strenge Richtlinien eingehalten. Dazu werden die Tiere in Individually Ventilated Cages (IVCs, einzeln belüftete Käfigsysteme) unter sogenannten SPF (spezifiziert pathogen-freien) Bedingungen gehalten. Zusätzlich ist die Tierhaltung mit Personen-Schleusen ausgestattet, in denen sich die Tierpfleger und Wissenschaftler mit spezieller Schutzkleidung aus autoklavierten Overalls, speziellem Haarnetz, Maske, Handschuhe, Socken und Schuhe ankleiden müssen. Alle eingeschleusten Materialien werden vorher durch Autoklavierung sterilisiert oder desinfiziert. Zudem wird der Gesundheitsstatus der sich in der Anlage befindenden Mäuse in regelmäßigen Abständen bestimmt, um potentiell pathogene Mikroorganismen frühzeitig zu detektieren.
Auch der Umgang mit Versuchstieren ist am DRFZ streng geregelt. Das DRFZ bietet ein von Tierärzten durchgeführtes Trainingsprogramm an, um Wissenschaftler nach geltender Gesetzgebung und unter Berücksichtigung des Tierschutzes für den Umgang mit den Tieren und ihre tierexperimentellen Tätigkeiten auszubilden. Dieses umfasst einen theoretischen sowie einen praktischen Teil. Die erfolgreiche Teilnahme wird mit einem Zertifikat bescheinigt. Erst nach Bestehen eines solchen Trainingskurses ist einem Wissenschaftler der Umgang mit einem Tier gestattet. Darüber hinaus werden für alle mit Tieren arbeitenden Mitarbeiter regelmäßige Schulungen und Fortbildungen hinsichtlich des Versuchstierschutzes und des 3R-Prinzips durch die Tierärzte initiiert und durchgeführt.

Haltung von Versuchstieren und Tierversuche

Einen Einblick in die Lebens- und Haltungsbedingungen von Versuchstieren geben Mitarbeiter des Max-Delbrück-Centrums (MDC) in Berlin.

(Quelle: https://www.tierversuche-verstehen.de/filme/)


Schweregrade der Versuche

Gesetzlich erlaubt ist ein Tierversuch nur dann, wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind.

Daher muss die Unerlässlichkeit eines geplanten Tierversuchs geprüft und gegen die zu erwartende Belastung für jedes einzelne Tier abgewogen werden. Es gilt der Grundsatz: Je höher die zu erwartende Belastung der Tiere ist, desto größer muss der wissenschaftliche Nutzen sein.

Bei Tierversuchen wird grundsätzlich die damit verbundene, zu erwartende Belastung für das Tier genauestens beurteilt und seine ethische Vertretbarkeit abgewogen. Die Belastung wird nicht durch den Wissenschaftler festgelegt. Der Wissenschaftler liefert vielmehr eine persönliche Belastungseinschätzung, die von den Tierschutzbeauftragten kritisch überprüft und dann der Genehmigungsbehörde vorgelegt wird. Diese legt dann die endgültige Belastung der Tiere für jeden Versuch fest.

Man unterscheidet anhand der Richtlinie 2010/63/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. September 2010 zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere zwischen den Belastungsgraden „gering“, „mittel“, „schwer“ und „keine Wiederherstellung der Lebensfunktion“.

Dabei wird darauf geachtet, dass die Belastung für das Einzeltier so gering wie möglich gehalten wird. Hierbei gilt jedoch, dass sich der Belastungsgrad für den Gesamtversuch an der höchsten zu erwartenden Belastung für das Einzeltier richtet. Das heißt, dass auch wenn andere Tiergruppen in einem Versuch keiner Belastung ausgesetzt sind (beispielsweise Kontrolltiere), gilt der gesamte Versuch dennoch als schwer belastet, wenn ein einzelnes Tier diese Belastung erfahren kann.

Quelle BFR

Begriffsdefinitionen der Belastungsgrade
  • „Keine Wiederherstellung der Lebensfunktion“: Diese Bezeichnung wird bei Verfahren verwendet, die gänzlich unter Vollnarkose durchgeführt werden, aus der das Tier nicht mehr erwacht oder die Tötung von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken zur anschließenden Organentnahme (ohne vorherige Behandlungen, Eingriffe oder Manipulationen). Letztere macht den bei weitem größten Teil der zu Versuchszwecken getöteten Tiere aus und fließt, obwohl sie laut Tierschutzgesetz nicht als Tierversuch gilt, als Belastungsgrad „keine Wiederherstellung der Lebensfunktion“ in die jährliche Versuchstiermeldung mit ein.
  •  „Gering“: Verfahren, die bei Tieren kurzzeitig geringe Schmerzen, Leiden oder Schäden verursachen oder keine wesentliche Beeinträchtigung des Wohlergehens oder des Allgemeinzustands der Tiere hervorrufen, werden als „gering“ eingestuft.
  • „Mittel“: Verfahren, die bei den Tieren kurzzeitig mittelstarke Schmerzen, mittelschwere Leiden oder Schäden oder lang anhaltende geringe Schmerzen verursachen sowie Versuche, die eine mittelschwere Beeinträchtigung des Wohlergehens oder des Allgemeinzustands der Tiere verursachen, werden als „mittel“ eingestuft.
  • „Schwer“: Verfahren, die bei den Tieren starke Schmerzen, schwere Leiden oder Ängste oder lang anhaltende, mittelstarke Schmerzen, mittelschwere Leiden oder Schäden verursachen sowie Verfahren, die eine schwere Beeinträchtigung des Wohlergehens oder des Allgemeinzustands der Tiere verursachen, werden als „schwer“ eingestuft.

Zahlen und Statistik

  • In Deutschland wurden im Jahr 2018 insgesamt 2.825.066 Wirbeltiere zu Versuchszwecken verwendet.
    Somit ist die Zahl der Versuchstiere in Deutschland 2018 gegenüber dem Vorjahr (2017: 2.807.297 Tiere) fast unverändert. Die Zahlen umfassen 2.138.714 Tiere, die in Tierversuchen verwendet wurden sowie 686.352 Tiere, die ohne vorherige Tierversuche für wissenschaftliche Zwecke getötet wurden.
    Nagetiere, vor allem Mäuse und Ratten, stellten mit etwa 83 % aller Versuchstiere den mit Abstand den größten Anteil dar. Darauf folgten Fische mit 9 % und Kaninchen mit 4 %, während Katzen und Hunde 0,16 % aller Versuchstiere ausmachten. Der Anteil von Affen und Halbaffen belief sich auf 0,11 %, Menschenaffen wurden in Deutschland zuletzt 1991 für wissenschaftliche Zwecke verwendet.
  • In Berlin wurden im Jahr 2018 insgesamt 222.588 Versuchstiere verwendet (2017: 222.424).
    Lange schon gilt Berlin als „Hauptstadt der Tierversuche“. Die hohe Zahl der Versuchstiere lässt sich jedoch durch die hohe Dichte an Forschungseinrichtungen erklären.

Versuchstierzahlen DRFZ 2017_ 2018

Tierschutz am DRFZ

Tierversuche sind nötig, um biologische Grundlagen zu verstehen und neue Therapieansätze für den Menschen zu entwickeln. Die Wissenschaftler sind dabei jedoch verpflichtet, Tierversuche soweit wie möglich durch Alternativen zu ersetzen und auf die Entwicklung weiterer Alternativmethoden hinzuwirken.

Rechtlicher Rahmen
  • 2010 gab es eine Novellierung der „Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere“ (2010/63/EU), mit dem Ziel, die zum Teil stark auseinandergehenden Regelungen der einzelnen EU-Mitgliedstaaten zu vereinheitlichen.
  • Tierversuche sind in Deutschland durch das Tierschutzgesetz  und die Tierschutz-Versuchstierverordnung geregelt, wobei Deutschland eines der strengsten Tierschutzgesetze weltweit hat. Im Jahr 2002 wurde der Tierschutz sogar als Staatsziel ins Grundgesetz (Artikel 20a) aufgenommen.
  • Jeder Tierversuch muss zunächst von der zuständigen Behörde genehmigt werden, wobei der wissenschaftliche Nutzen begründet dargelegt werden muss.
  • Zum Antragsverfahren gehört neben einer umfangreichen Literaturrecherche auch eine biometrische, also mathematische Planung der einzusetzenden Tierzahl, so dass diese limitiert ist.
  • Tierversuche dürfen nur durch speziell ausgebildete und geschulte Personen durchgeführt werden. Sie unterliegen dabei der ständigen Kontrolle der Tierschutzbeauftragten und der zuständigen Behörde.
  • Jeder Tierversuch wird protokolliert und die Anzahl der verwendeten Tiere jährlich der zuständigen Behörde gemeldet.

Tierversuche im Gespräch

“Und wenn es keine Tierversuche mehr gäbe?” Es gibt sie, die Menschen, die offen dazu stehen, dass sie aus guten Gründen Tierversuche durchführen. Am 5. November 2019 stellten sie sich in der Berliner Urania den Fragen der Öffentlichkeit und versachlichten so eine mitunter emotional geführte Debatte.

Warum werden immer noch Tierversuche durchgeführt, wo es heute doch so viele Alternativmethoden gibt? Wie geht es den Tieren? Und wem nützen solche Versuche eigentlich? Das öffentliche Interesse an diesen Fragen ist groß, doch zugleich kursieren immer noch viele Mythen zum Thema Tierversuche. In dieser Situation sind Informationen aus erster Hand gefragt, aber auch die offene Diskussion auf Augenhöhe.

Deshalb richteten die Berliner Tierschutzbeauftragten jetzt erstmals im Rahmen der Berlin Science Week eine gemeinsame Veranstaltung zusammen mit großen biomedizinischen Forschungseinrichtungen der Stadt aus. Der Einladung zum Themenabend mit dem Titel „Tierversuche im Gespräch – unbedingt notwendig oder längst überholt?“ in die Urania Berlin folgten rund 250 Interessierte, darunter auch Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte.

Vertrauensvolles Publikum
Zum Auftakt fragte die Moderatorin des Abends, die Berliner Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg, nach der Einstellung zu Tierversuchen. Lediglich ein Dutzend Gäste plädierte dafür, solche Versuche ganz abzuschaffen. Etwa ein Drittel sah zwar grundsätzlich einen Nutzen, meinte aber, dass es zu viele Tierversuche gibt. Rund zwei Drittel hoben die Hand bei der Antwortoption „Ich vertraue den Wissenschaftlern, dass sie Tierversuche nur einsetzen, wenn es nicht anders geht“.

In der nächsten Fragerunde ging es auch um das populäre Thema Tierversuche und Kosmetika. In der öffentlichen Diskussion kommt es dabei immer wieder zu Irrtümern, wie auch an diesem Abend. Manche waren der Ansicht, dass die Erlaubnis zur Testung im Tierversuch von der Art des Kosmetikprodukts abhängt, oder dass im Ausland am Tier getestete Kosmetika in die EU importiert werden dürfen. Dabei dürfen Kosmetika, die im Tierversuch getestet wurden, seit einigen Jahren nicht mehr in der EU verkauft werden – selbst, wenn sie aus dem Ausland kommen.

Tierversuche im Gespräch - Publikumsbefragung


© Jacqueline Hirscher

Tierversuche im Gespräch - Prof. Anja Hauser


© Jacqueline Hirscher

Tierversuche im Gespräch - Lilo Berg und Dr. Fabienne Ferrara


© Jacqueline Hirscher

Tierversuche im Gespräch - Podiumsdiskussion


© Jacqueline Hirscher

Tierversuche für die Tiermedizin
Wenig bekannt in der Öffentlichkeit sei auch, dass die Ausbildung am Tier als Tierversuch gelte, sagte Professorin Christa Thöne-Reineke von der Freien Universität Berlin. Die Fachtierärztin für Versuchstierkunde bildet dort unter anderem tierärztliches und tierpflegerisches Fachpersonal aus.

Dabei orientiert sie sich am international gültigen 3R-Prinzip für Versuche am lebenden Tier. Die drei „R“ stehen für die Entwicklung von Versuchen, die schonender für das Tier sind (Refinement), für die Reduzierung von Versuchen (Reduction) und für den Ersatz von Tierversuchen (Replacement). Christa Thöne-Reineke ist auch beteiligt an dem an der Freien Universität Berlin angesiedelten Graduiertenkolleg der Berlin-Brandenburger Forschungsplattform BB3R – dem ersten Graduiertenkolleg zu Alternativen im Tierversuch weltweit – und Kooperationspartnerin im Netzwerk von Charité 3R, einer 2018 gegründeten Initiative zur Verankerung der guten Idee von 3R in Forschung und Praxis. In ihren Kursen setzt die Professorin bereits eine Reihe von Alternativmethoden ein, darunter auch Online-Tutorials, Modelle und Simulatoren. Thöne-Reineke sagte: „Solange der Gesetzgeber die Ausbildung am Tier als Tierversuch einstuft, können wir in der tiermedizinsichen Ausbildung nicht auf Tierversuche verzichten.“

Grundlagen erforschen – auch am Tier
Warum Tierversuche für Grundlagenforschung und klinische Forschung derzeit unverzichtbar sind, erläuterten Professorin Anja Hauser, Tierärztin und Immunologin am Deutschen Rheumaforschungszentrum und an der Charité und Dr. Thomas Kammertöns, Immunologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und an der Charité.

Versuche in Zellkulturen oder an Organoiden eignen sich, um erste Erkenntnisse zu gewinnen, sagten beide Forscher. Die komplexen Prozesse im Immunsystem, in dem sehr viele Zelltypen in verschiedenen Organen aufeinander wirken, ließen sich jedoch nur im Gesamtorganismus beobachten. Anja Hauser schilderte, wie die Forschung an Mausmodellen zu einem neuartigen Medikament geführt hat, das manchen Erkrankten mit Multipler Sklerose hilft. Und Thomas Kammertöns entwickelt derzeit mithilfe von Mausversuchen eine neuartige Krebstherapie, die das körpereigene Immunsystem zum Kampf gegen Tumorzellen anregt.

Schneller zu Alternativen
Alternativmethoden, die Tierversuche in den gesetzlich vorgeschriebenen „Pflichtversuchen“ ersetzen sollen, entwickelt Robert Landsiedel. Der Chemiker und Toxikologe arbeitet mit seinem großen Team beim Ludwigshafener Chemieunternehmen BASF.
Derzeit dauere es oft bis zu zehn Jahre, bis eine Alternativmethode als geeigneter Ersatz von den Behörden anerkannt werde. „Mit der derzeitigen Vorgehensweise werden noch über hundert Jahre vergehen, bis alle regulatorischen Tierversuche zur toxikologischen Testung von Chemikalien abgelöst werden können“, sagte Landsiedel. Er schlug vor, die Anerkennung von Alternativmethoden zu vereinfachen und Prioritäten für die künftige Entwicklung von Alternativmethoden zu setzen.

Im Mittelpunkt der lebhaften Diskussion standen Alternativmethoden zu Tierversuchen und Fragen zur Haltung von Versuchstieren. Auf die Wortmeldung aus dem Publikum „Was passiert, wenn ein Tierversuch genehmigt ist – gilt dann Feuer frei?“ beschrieben die Experten auf dem Podium das streng geregelte und minutiös dokumentierte Procedere, bei dem über jedes einzelne Tier genau Buch geführt werden muss. „Und was wäre, wenn von heute auf morgen keine Tierversuche mehr gemacht werden dürften?“, wollte ein anderer Gast wissen. Dann gäbe es keine neuen Medikamente oder Chemiestoffe mehr, hieß es vom Podium, denn dafür seien Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben und nach wie vor sinnvoll. Nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung ging die Diskussion bei Brezeln und Bier weiter – rund um die gut besuchten Infostände des Arbeitskreises der Berliner Tierschutzbeauftragten.

“Open Debate”: Das Qualitätsportal für Debatten im Netz

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Stand der Debatte

Tierversuche sind in der Grundlagenforschung in vielen Fällen heute immer noch unverzichtbar. Mit den Experimenten untersuchen Wissenschaftler komplexe biologische Prozesse in Tieren, um den menschlichen Organismus und seine Funktionsweise besser zu verstehen. Auch in der Medizin spielen Tierversuche eine entscheidende Rolle, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente und Therapieverfahren. Dennoch kritisieren Tierversuchsgegner, dass Wissenschaftler auf existierende Alternativmethoden umsteigen sollten. Sie fordern die Abschaffung der Experimente. Sind Tierversuche für die Forschung wirklich notwendig? Und darf der Mensch überhaupt andere Tiere für seine Interessen leiden lassen? In dieser Debatte kommen namhafte Expertinnen und Experten zu Wort, die in unterschiedlichen Kontexten mit Tierversuchen zu tun haben. Weil sie selbst Tierversuche in ihrer Forschung einsetzen, weil sie Tierversuche zu ersetzbar halten oder weil sie sich dem ethischen Dilemma widmen, vor das uns Tierversuche stellen. Die Debatte soll ein Beitrag für eine fundierte und sachliche Diskussion über Tierversuche sein und die unterschiedlichen Argumente transparent machen.
Moderator der Debatte: Christoph Herbort-von Loeper, stellvertretender Pressesprecher der Leibniz-Gemeinschaft

Bitte lesen Sie hier die bisherigen Beiträge der Debatte.

Bitte lesen Sie hier den Beitrag von Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, einem Leibniz-Institut, und Professor an der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Der Feind in meinem Körper – Tiermodelle zeigen Wege zur Heilung von Autoimmunkrankheiten und Krebs

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